Glückssucher auf großer Tour

Nachlese zum P-/W- Seminar „Läuft – laufend auf der Suche nach dem Glück“

 Was macht eigentlich ein gelingendes, glückliches Leben aus? Welche Faktoren sind förderlich für das eigene Glück, welche verhindern unser Glücklich sein? 

Mit all diesen Fragen haben sich ja bekanntlich schon die großen Philosophen von der Antike bis in die heutige Zeit beschäftigt, heute erleben sowohl Glücksforschung als auch Glückssuche im Alltag einen nicht zu übersehenden Boom.

Auch unser kombinierter P-/W- Seminar setzte von diesen beiden Seiten an: einerseits haben wir in einer breit angelegten Mischung zwischen philosophischen, psychologischen und religiösen Gedankengebäuden das Phänomen Glück eingehend beleuchtet, reflektiert und diskutiert, um damit bei den Schülern eine Basis für die Suche von wissenschaftlichen Seminararbeitsthemen zu bieten.

Andererseits jedoch war uns der praktische Eigenversuch wichtig: wie kann man oben genannte Fragen für sich selbst besser beantworten als bei einer ungewöhnlich großen, körperlichen  Herausforderung? So entschieden sich die Teilnehmer gemeinsam für den E5 von Oberstorf nach Vernagt im Schnalstal/Südtirol, eine 6- tägige Tour über die Alpen. Von Deutschland nach Italien - ein hoch gestecktes Ziel mit einer Schülergruppe, die zum Teil noch wenig Bergerfahrung oder körperliche Ausdauer hatte!

Mit einem Hüttenwochenende auf der Probstalm inklusive Selbstversorgung und Besteigung der Benediktenwand änderten wir das, nun konnten alle mitreden, über schwere Rucksäcke und Höhenangst genau so wie über unsere Grenzen, die im Kopf sitzen, oder die Dynamik, die in der Gruppe zwischen Schnelleren und Langsameren entsteht. „Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas kann!“ war eine der Rückmeldungen am Ende der Tour.

Langsam tasteten wir uns in den folgenden Monaten an die große Herausforderung im Juli heran, informierten uns gegenseitig über alles, was für das Unterwegs sein in den Alpen wissenswert ist, holten uns aber auch  externe Hilfe für die Vorbereitung: eine Sportwissenschaftsstudentin, die mit uns körperlich und mental trainierte und uns über Ernährung aufklärte, Experten vom DAV Vierseenland, die unsere Ausrüstung unter die Lupe nahmen und einen Bergretter, der Erste Hilfe am Berg mit uns einübte. Die SeminarteilnehmerInnen spezialisierten sich  im Laufe der Monate in Expertenteams auf Organisationsfragen und die einzelnen Tage der Wanderung. Die Frage „You do it – or does it do you?“ ging also immer eindeutiger in die Richtung you do it! - Konsumhaltung soll ja im P- Seminar ohnehin keinen Raum haben, Eigenverantwortung und Gestaltung ist hier gefragt. 

Die eigentliche Tour war für jeden Einzelnen eine dichte Folge meist ungeahnter Erfahrungen. Schon am ersten Tag, als es beim Aufstieg auf die erste Hütte zu regnen begann (es blieb fast der einzige Regen auf unserer Tour), war klar: jetzt sind wir raus aus der Komfortzone. Der Verdacht erhärtete sich: teils übervolle Hütten, Schlafen auf einfachsten Matratzenlagern, ein doch zu voller Rucksack, kalte Duschen, viele Stunden bergauf und bergab unterwegs jeden Tag,… Aber eben auch: wilde Blumenwiesen, Abendrot nach dem Regen, mystische Stimmung im Nebel, Kaiserschmarrn auf der Speisekarte, eine zutrauliche Gämsenherde, pfeifende Murmeltiere und vieles, vieles mehr: das Gemeinschaftsgefühl, das immer stärker wurde, Ermutigung bei Durchhängern, das Miteinander beim Kartenspiel. Unseren Fokus gelegt haben wir Abend für Abend auf unsere glücklichen Momente, jeder hat sie in einem Ritual auf der eigenen Schnur eingeknotet und die Glücksmomente mit den anderen geteilt.  Fazit: Glück also in der Tat nicht als Dauerzustand, auch nicht während einer traumhaften Wanderung, aber umso stärker empfunden, weil die kostbaren Augenblicke eben Momente sind, die nicht ewig währen und nicht selbstverständlich sind.  Oder mit den Worten eines Schülers: „Wenn man aus der Komfortzone raus ist, ist es um so schöner, wenn man wieder drinnen ist.“

Tatsächlich hatten wir jeden Tag neue Herausforderungen zu meistern: Socken waschen, sich zurechtfinden in seinem Rucksack, der Toilettengang untertags im Wald, das kaputte Handy, das Hüttenessen, das nicht durchgehend optimale Wetter, unpassende Rucksack,  der kaputte Reißverschluss, wenig Zeit für sich, der oberflächliche Schlaf im engen Matratzenlager und vor allem: die langen Fußmärsche bergauf und bergab. Tiger Balm und Tape zur Blasenvorsorge entpuppten sich als die Renner der Tour, bald jedoch auch die Tabletten gegen Magen-Darminfektionen. Eigentlich hätten uns die Herausforderungen unseres Vorhabens schon genügt, aber der äußerst ansteckende Magen-Darminfekt griff um sich und erfasste immer mehr von uns, so dass wir ab dem 4. Tag einige Heimfahrer zu beklagen hatten, andere mussten zumindest tageweise aussetzen. Wie auch immer – es hieß jeden Tag neu, Entscheidungen zu treffen, wer wie die Wanderung fortsetzen konnte und wie das zu organisieren war. Am 6. Tag konnten so nur einige Wenige das Erfolgserlebnis der Überschreitung des Alpenhauptkamms auf 3020 m Höhe mit entsprechender Weitsicht, einem Fuß in Österreich, den anderen in Italien, genießen. Die anderen waren durch ihre nächtlichen Rendezvous auf den Toiletten gezwungen, den Weg durchs Tal mit dem Bus nach Südtirol zu machen. Auch wenn nicht alle die italienische Grenze zu Fuß passiert hatten, war die Stimmung in Meran absolut positiv: „Man hat Erwartungen, aber die werden nicht erfüllt. Es kommt anders und es ist gut so.“

Alle glücklich?! Auf der bequemen Heimfahrt im Bus allemal, aber auch Wochen später bekommen wir das Feedback, dass die Tour nachhaltig wirkt und im Laufe des Seminars viel über das persönliche Glück bewusst geworden ist. Zumindest gaben die Schüler bei der Frage nach der Fähigkeit, die das Seminar am stärksten gefördert hat, an: Durchhaltevermögen, auch in schwierigen Zeiten, auch schulisch. Dicht gefolgt von Teamfähigkeit und der Fähigkeit, für kleine Dinge dankbar zu sein.