20 Jahre „Christoph-Probst“–Gymnasium

Als 1975 das Staatliche Gymnasium Gilching gegründet wurde, war es noch lange namenlos. Doch schon bald begann eine Diskussion im Kollegium, ob sich die neue Schule einen Namen geben sollte. Es gab vielfältige Vorschläge wie z.B. auch „Fünfseen-Gymnasium“ (das war ernst gemeint!). Sehr kontrovers und mit großem Widerstand wurde dann diskutiert, ob unserer Schule der Name „Claudius-Dornier-Gymnasium“ von außen angetragen werden könnte, nachdem ja der Flughafen in Oberpfaffenhofen zu unserem Einzugbereich gehört.. Der Widerstand gegen diesen Namen fand seinen Angriffspunkt in möglichen Verstrickungen der Familie Dornier in das System des Nationalsozialismus und in den Zweiten Weltkrieg. Der damalige Schulleiter Hans Boeckh unterstützte von Anfang an diese kritische Diskussion, wie er sich in einem Brief an die SMV vom 14.11.1987 erinnert:

„Ein neuer Schulname sollte meiner Meinung nach an eine Persönlichkeit erinnern, die mit ihrem Denken und Wollen, mit ihrem Reden und Handeln und mit ihrer dadurch deutlich sichtbar gewordenen moralisch-ethischen Haltung in ihrer Zeit Zeichen gesetzt hat und die auf diese Weise zu einem Vorbild, zu einem Wegweiser, zu einem Appell für Schüler und Lehrer dieser Schule werden könnte.“

1983, vierzig Jahre nach der Hinrichtung von Christoph Probst und Hans und Sophie Scholl durch die Nationalsozialisten, begann dann an unserer Schule eine Diskussion, ob nicht Christoph Probst ein geeigneter Namensgeber sein könnte. Insbesondere der Kollege Reinhold Gladiator hat hier die Diskussion angestoßen, nachdem er – noch gegen den Widerstand des Kultusministeriums, aber mit Unterstützung des Schulleiters Hans Boeckh – mit seiner 11. Klasse Michael Verhoevens Film über die Weiße Rose im Kino angesehen hatte. „Was lag näher, als den Film anlässlich des 50. Jahrestages der 'Machtergreifung' vorzuführen, die damit verbundenen Probleme im Unterricht zu besprechen und Herrn Dr. Probst [den im Jahre 2010 verstorbenen ältesten Sohn von Christoph Probst; P.S.], zu dem bereits Kontakt bestand, um Mitwirkung zu bitten?“, schreibt Reinhold Gladiator im Jahresbericht des Gymnasiums Gilching von 1982/83. Dr. Michael Probst war Anfang 1983 vom Kollegen Helmward Mörsch zu einer Diskussion eingeladen worden. Erstmals schrieb dann die Schülerin Anne Goebel (Klasse 10F) eine ausführliche Würdigung Christoph Probsts für unsere Schülerzeitung Blickpunkt. Auch Gernot Eschrich, von 1980 bis 2001 Mitarbeiter in der Schulleitung, engagierte sich im Lehrerkollegium und gegenüber der Schülerschaft für diese Namensgebung.

Zwei Jahre später, im Jahresbericht von 1984/85 schreibt der Abiturient Christof Gurland anlässlich des zehnjährigen Schuljubiläums:

„Es bleibt noch die Frage offen, ob dieser Schule nicht ein 'richtiger' Name fehlt? - Andererseits, steht nicht der Name 'Gymnasium Gilching' gerade für eine wesentliche Aufgabe dieser Schule, nämlich den Schülern ...eine Schulausbildung zu ermöglichen in einer modernen und zeitgemäßen Umgebung?“

Indirekt hat Gurland damit einen entscheidenden Anstoß zur Namensgebung gegeben. Auf Bitten der Familie Probst haben wir jedoch gewartet, bis ihr Sohn Sebastian, ein Enkel Christoph Probsts, 1987 sein Abitur abgelegt hatte, bevor die Namensgebung weiter voran getrieben wurde.

Im Juli 1987 sprach Kollege Eschrich erstmals ausführlich in der Schlusskonferenz über Christoph Probst und hat damit eine relative kontroverse Diskussion im Lehrerkollegium angestoßen. Es bedurfte dabei einiger Überzeugungsarbeit bei vielen Kollegen, die mit dem Namen ‚Gymnasium Gilching’ völlig zufrieden waren, bis dann im Jahre 1988 ein Prozedere beschlossen wurde, nach dem sowohl Lehrkräfte als auch Schüler einem Namensgeber Christoph Probst mit Mehrheit zustimmen sollten. Dieser Prozess war eher mühsam, da es in beiden Gruppen der Schulfamilie viele kritische Stimmen gab, die den Anspruch, der durch den Namen ‚Christoph Probst‘ aufgestellt würde, als zu hoch für unsere Schule einschätzten.

Dann platzte ein Ereignis in das Vorfeld der Abstimmung, das die Namensgebung um weitere fünf Jahre verzögern sollte: Der Deutsche Bundestag hatte beschlossen, dass der Wehrdienst ab 1989 auf 18 Monate verlängert werden sollte, was zu einer um vier Wochen vorverlegten Einberufung der Abiturienten geführt hätte und damit zwangsläufig die K 13 um diese vier Wochen verkürzt hätte (Wegen der politischen Wende 1989 in der DDR wurde dieser Beschluss letztlich nicht realisiert). Die SMV organisierte daraufhin eine Kundgebung dagegen in einer Pause auf dem Schulhof, konnte diese entgegen den Absprachen mit der Schulleitung jedoch nicht pünktlich beenden. Deshalb verhängte der Schulleiter Franz Leitner (seit Februar 1986) einige Ordnungsmaßnahmen gegen die Organisatoren. Als Folge davon riefen dann die SMV und die Schülerzeitung dazu auf, gegen den Namen Christoph Probst zu stimmen. Denn eine Schule mit so einem „autoritären Schuleiter“, die so hart auf Schüler reagiert, welche zu einer Kundgebung aufriefen, sei nicht würdig, nach einem Widerstandskämpfer benannt zu werden. Vom 14. bis 18. Dezember 1987 fand dann die erste Abstimmung statt. Obwohl der ehemalige Schulleiter Hans Boeckh in seinem o.g. Brief an die SMV appellierte, dennoch der Namensgebung zuzustimmen, lehnten die Schüler diese trotzdem mehrheitlich ab.

Gut vier Jahre später wurde dann der 9. April 1992 zu einem Schlüsseldatum für unsere Schule und brachte einen Neuanfang: Auf Anregung des Leiters des Leistungskurses Geschichte/Sozialkunde, Robert Volkmann, besuchte erstmals eine Zeitzeugin aus dem Umfeld der Weißen Rose das Gymnasium Gilching, Anneliese Knoop-Graf, die Schwester des ermordeten Mitglieds der Weißen Rose Willi Graf. Daniel Sömen, Schüler der K 13, schreibt dazu im Jahresbericht:

„Selten hat ein schulisches Publikum einem Vortrag mit soviel Aufmerksamkeit zugehört und mit solcher Betroffenheit reagiert. Warum gibt es nicht mehr von solchen 'außerunterrichtlichen' Veranstaltungen?“

Vor allem für die SMV war dieser Vortrag Anstoß, die Namensgebung wieder aufzunehmen, wie der damalige Schülersprecher Florian Pötzsch schreibt:

„Dies gab uns, der SMV, und dem Leistungskurs Sozialkunde [unter Leitung von Herrn Volkmann; P.S.] den Anlass, über die Umbenennung des Gymnasiums Gilching auf den Namen Christoph Probst … nachzudenken.“

Insbesondere ein Kollegiat aus diesem Leistungskurs, Harald Rossmeier hat aktiv dazu beigetragen, eine Wende der Stimmung zur Namensgebung einzuleiten.

Jetzt wurde der 22. Februar 1993, der 50. Jahrestag der Hinrichtung von Christoph Probst und der Geschwister Scholl, als Datum für eine Namensgebung konkret ins Auge gefasst. So erschien dann auch am 26.09.1992 ein ausführlicher Artikel in der Starnberger SZ, indem das Vorhaben des Gymnasiums Gilching gewürdigt wurde.

Wie schon fünf Jahre zuvor wurde wiederum das Abstimmungsprozedere in Gang gesetzt, diesmal mit Unterstützung „von unten“, also der SMV und anderer Schüler. Dieser zweite Anlauf war wohl deshalb ein Erfolg, sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Schülern. Außerdem wurde in einer Vielzahl von Aktivitäten die Namensgebung vorbereitet, wobei die ganze Schulfamilie einbezogen werden sollte:

Im Kunstunterricht entstand die große weiße Rose, die bis zur Generalsanierung 2012 fast 20 Jahre lang unsere Aula zierte, „Denksteine“ wurden beschriftet, 10.-Klass-Schüler drehten ein Video, in dem das Leben von Christoph Probst mit den aktuellen politischen Ereignissen des Jahres 1992 verknüpft wurde (wie z.B. den ausländerfeindlichen Brandanschlägen von Rostock-Lichtenhagen und der Münchener Lichterkette); die gleiche Schülergruppe erstellte eine Ausstellung über das Leben von Christoph Probst (unter Mithilfe von den Kollegen Angelika Gladiator, Peter Schubert und Robert Volkmann).

Außerdem verfassten die Klassen 11 a und 11 d im katholischen Religionsunterricht unter Leitung des Kollegen Erwin Bretscher eine Broschüre mit dem Titel Christoph Probst und die Weiße Rose - Erinnerung und Verpflichtung, in der sehr eindrucksvoll die Verbindung zwischen unserem Namensgeber und den damals aktuellen, rassistisch motivierten Gewalttaten heraus gearbeitet wurden. Im Vorwort der Broschüre schreibt die Schülerin Simone Gruber:

„Anläßlich dieser Namensgebung entschieden wir (die Klassen 11a u. 11d) uns, im kath. Religionsunter­richt zusammen mit Herrn Bretscher dazu eine Zeitung zu verfassen. Dabei genügte es uns nicht, in die Vergangen­heit zu blicken und damit auf Themen wie Widerstand und Rassismus einzugehen. Es war uns auch wichtig, Zusammen­hänge zwischen unserer traurigen Vergangenheit und der Gegenwart aufzuzeigen.

Themen wie Rechtsradikalismus als Ersatzreligion und der Sündenbockmechanismus beschäftigten uns und sollten daher auch in dieser Zeitung nicht fehlen. Es war schon immer einfacher, die Schuld für entstandene Probleme oder Konflikte auf die schwächsten Glieder unse­rer Gesellschaft zu schieben. Damals waren es die Juden, heute sind es die Asylbewerber.

Wir wollen in den Artikeln unserer Zeitung die Leser über die Ideologie der Rechtsradikalen und die Einstellung von Bürger /-innen dazu informieren. Neben den Artikeln über die heutigen Probleme war es uns natürlich auch wichtig, die Person "Christoph Probst" und dessen Leben, soweit es uns möglich war, darzustellen.

Die Namensgebung sollte für uns alle nicht nur etwas Nebensächliches sein, sondern eine Herausforderung für uns alle, die Menschenrechte zu achten und gegebenenfalls Widerstand zu leisten, sich gegen Unrecht zu wehren.”

Kollege Erwin Bretscher erstellte eine zweite Broschüre für die Unterstufe, und zwar im Rahmen des Deutschunterrichts. Dabei entstand eine Klassenzeitung über die Weiße Rose und speziell Christoph Probst, u.a. mit aktuellen Umfragen unter unseren Schülern.

Höhepunkt war dann die Veranstaltung am 16. Februar 1993, als das Gymnasium Gilching offiziell auf den Namen Christoph-Probst–Gymnasium „getauft“ wurde. Die „Taufurkunde“ wurde dann mit Wirkung vom 01.08.1993 ausgestellt.

Der Schulleiter Franz Leitner schreibt im Jahresbericht:

„ In einer eindrucksvollen Feierstunde haben wir im Februar den 50. Jahrestag Christoph Probsts und der Geschwister Scholl zum Anlaß genommen, uns ihrer aufrichtigen Gesinnung, ihrer Tapferkeit und ihres heldenhaften Todes zu erinnern. Die Festrede von Professor Joseph Rovan in Anwesenheit einer stattlichen Anzahl von Ehrengästen – unter ihnen die Witwe und Söhne Christoph Probsts, Frau Clara Huber und Sohn, Frau Anneliese Knoop-Graf, Frau Dr. Marie-Luise Schutze-Jahn und Herr Dr. Erich Schmorell – bildete nicht nur den Höhepunkt dieses Tages, sondern wohl auch des ganzen Schuljahres. … Mit der Namensgebung verbinde ich für die Schule die Verpflichtung, sich besonders gründlich mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und mitzuhelfen, daß sich Ähnliches niemals wiederholt.“

Ministerialdirigent Franz Noichl als offizieller Vertreter des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst sagte bei der Namensgebungsfeier:

„Es ist ein guter Name, den das Christoph-Probst–Gymnasium Gilching trägt, ein Name, der verpflichtet. Er möge den jungen Menschen, die diese Schule heute und in den kommenden Jahren und Jahrzehnten besuchen, helfen, ihre eigene Einstellung zum Gewesenen und zu den Aufgaben und Herausforderungen ihrer jeweiligen Gegenwart bewußter und verantwortlicher zu begründen.“

Diese Worte von wurden Auftrag für uns Lehrkräfte am Christoph-Probst–Gymnasium, wie die späteren Aktivitäten an unserer Schule seitdem gezeigt haben.

Als Festredner für diese Feier konnten wir – wiederum auf Anregung von Robert Volkmann - den Publizisten Joseph Rovan gewinnen, einen Cousin von Christoph Probst, der wegen seiner jüdischen Abstammung während des NS-Regimes Deutschland verlassen musste und später in der französischen Résistance gegen das deutsche Besatzungsregime kämpfte. Am Ende seiner vielbeachteten und von großem Applaus begleiteten Rede rief Rovan unsere Schülerinnen und Schüler zum Handeln auf:

„Ich bringe das hier vor als Beispiel dafür, daß es sich, wenn wir uns auf Christoph Probst berufen, eben nicht nur um den Kampf gegen Hitler handelt, sondern um den Kampf, den wir jeden Tag führen müssen, an der Stelle, an der wir stehen, als kleinerer oder größerer Mitträger der Verantwortung für das Schicksal dieser Welt – damit Sie es immer wissen, damit Sie sich im Grunde jeden Abend fragen: Habe ich heute das getan, was in der Nachfolge von Christoph Probst, der Geschwister Scholl, von denen, die den 20. Juli versucht haben, von den Hunderttausenden, die im Gulag untergegangen sing, von mir gefordert ist? [ … ] Und noch einmal gesagt; Das soll uns nicht hindern, fröhlich zu sein und auch mit einer Freude an die zu denken, die ihr Leben geopfert haben. [ … ] Ich kann nur jedem von euch wünschen, daß ihr das Gefühl habt, ihr hättet – wenn ihr am Abend an den Tag denkt – das getan, wozu ihr berufen wart.“

Dennoch dauerte es noch einige Zeit, bis die Namensgebung als klares Bekenntnis gegen Rechts wirklich ins Bewusstsein Aller gedrungen war. So hat der Schulleiter Franz Leitner die Verteilung eines Aufrufs zu einer Lichterkette in Herrsching aus Anlass des ausländerfeindlichen Brandanschlags von Mölln im November 1992 nicht gestattet, was unsere Schüler jedoch nicht davon abhielt, an der Demonstration teilzunehmen. Damit haben unsere Schüler den Appell Rovans bewusst vorweg genommen.

Gleichzeitig mit der Namensgebung gewann der Kollege Robert Volkmann Gernot Eschrich als Mitglied der Schulleitung und den Geschichtslehrer Peter Schubert für die Idee, ein Buch über Christoph Probst herauszugeben. Denn bis dahin gab es in der historischen Forschung noch keine wissenschaftliche Literatur über das häufig ungenügend wahrgenommene Mitglied der Weißen Rose. Unter dem Titel Wir müssen es wagen … haben wir ein erstes Buch über den Widerstand im Allgemeinen, die Weiße Rose und Christoph Probst im Besonderen herausgegeben. Mit vielen Originaldokumenten (z.B. Fotos und handschriftlichen Briefen im Faksimile aus Familienbesitz), einem biografischen Aufsatz über Christoph Probst, der auch neu aus den Stasi-Archiven aufgetauchte Prozessunterlagen verwandte, und vielen anderen Texten entstand ein Werk, das Neuland in der historischen Forschung betrat. Sieben Jahre später, im Jahre 2000 konnten wir dann eine zweite, erweiterte Auflage („...damit Deutschland weiterlebt.“) herausgeben, in die noch ein ausführlicher Aufsatz der Historikerin Christiane Moll über die Jugend und Schulzeit von Christoph Probst sowie die Dokumentation eines Zeitzeugengesprächs von Angehörigen und Weggefährten aufgenommen wurden.

So wurde ein mühsamer Prozess mit einer Zwischenetappe abgeschlossen. Die Schulfamilie hat den Auftrag angenommen und in vielfältigen Aktionen das Vermächtnis der Weißen Rose und ihres Mitglieds Christoph Probst gepflegt, zuletzt mit den Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Todestag im Februar 2013.

Peter Schubert, Fachbetreuer Geschichte

© Christoph-Probst–Gymnasium Gilching 2013