Sinn und Wirkung einer Namensgebung

Sich orientieren

von Gernot Eschrich
Christoph Probst

Was sind die Gründe und Absichten, wenn wir Menschen und Dingen einen Namen geben? Neben dem simplen Zweck der Unterscheidung von anderen Exemplaren der gleichen Art und manch anderen Motiven ist es der Wunsch, der Name möge prägende Kraft haben, insofern er eine gute Eigenschaft oder einen vorbildhaften Menschen bezeichnet. Die Diskussion darüber, ob das Gymnasium Gilching sich wie viele andere Schulen einen speziellen Namen zulegen solle, wurde ziemlich lang kontrovers geführt. Nach einem eindrucksvollen Vortrag von Frau Anneliese Knoop- Graf, der Schwester von Willi Graf, hat sich dann doch mit großer Mehrheit die Absicht durchgesetzt, dieser Schule einen programmatischen Namen zu geben.

Man hoffte, die Benennung nach einer so überzeugenden Gestalt wie Christoph Probst werde sich gut auswirken, ob man bei ihm nun vor allem an geistige Selbständigkeit, Kritikfähigkeit, Mut zu Widerstand, Bereitschaft, das Leben zu riskieren, Gehorsam gegenüber einem höheren Gesetz oder die Neuentdeckung des Christlichen denken mag.

Dass ein Leben, auch das Leben an der Schule, ohne Anspruch und Perspektiven, die über Erfolg und Spaß hinausführen, banal, ja letztlich verfehlt ist, weiß im Grunde jeder. Maßstäbe müssen sichtbar gemacht, Kritik und Selbstkritik geschärft werden, und dazu können uns junge Menschen wie die des Freundeskreises der Weißen Rose verhelfen, die ihren Weg mit erstaunlicher Klarheit und Konsequenz gesucht haben und gegangen sind. Denn so etwas wie die Produktion der Flugblätter kommt ja nicht über Nacht und ohne intensives Ansammeln innerer Substanz zustande. Wie bewusst und energisch dies unter dem Druck des nationalsozialistischen Terrorregimes von den Mitgliedern der Weißen Rose und ihren Gesinnungsgenossen betrieben wurde, nimmt man beim Lesen der Zeitzeugnisse, vor allem der Briefe aus diesem Kreis, heute fast mit einem ungläubigen Staunen wahr.

Bei aller Würdigung der Weißen Rose soll daneben nicht vergessen werden, dass an die hunderttausend andere Deutsche, die dem NS-Staat gefährlich wurden, von der deutschen Justiz, keineswegs nur vom Volksgerichtshof, zum Tod verurteilt worden sind. Und wenn wir heute in einem Rechtsstaat leben dürfen, so wissen informierte Zeitgenossen doch, dass die Menschenrechte in der Mehrzahl der Länder dieser Welt mit Füßen getreten werden. Desgleichen ist politisch wachen Menschen bewusst, dass in unserem Lande Rechtsstaatlichkeit und Toleranz durch Extremisten mehrfach gefährdet waren und keineswegs immer gegen diese Gefahr gefeit sind.

Aber auch wenn dramatische Ereignisse wie die Aktivitäten der RAF oder der Brand von Asylbewerberheimen zum Glück seit Jahren nicht mehr eingetreten sind, ist eine Demokratie ohne klare, geistige Orientierung und Wachsamkeit natürlich nicht lebensfähig. Das Christoph-Probst-Gymnasium Gilching fühlt sich in diesem Sinn seinem Namen verpflichtet und bemüht sich den jungen Menschen die Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit über den stundenplanmäßigen Unterricht hinaus nahe zu bringen. Und da tragen hervorragende Persönlichkeiten als Gäste der Schule seit Jahren dazu bei, dass sich bei den Schülern der Oberstufe ein positives historisch-politisches Bewusstsein bilden kann. Hier seien nur ihre Namen genannt: Frau Dr. Schultze-Jahn, Freundin des 1943 hingerichteten Studenten Hans Leipelt, die deutsch-jüdische Autorin Grete Weil, Franz-Josef Müller von der Ulmer Abiturientengruppe, der Kirchenhistoriker Prof. Georg Denzler, der Rechtsphilosoph Prof. Arthur Kaufmann, Alexander Schmorells Bruder Dr. Erich Schmorell, Götz Liedtke, Sohn eines Offiziers, der Widerstand geleistet hat, der Rechtsanwalt und Zeitgeschichtler Dr. Otto Gritschneder, Fey und Dietrich von Hassell, deren Vater im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde, Sally Perel, der als "Hitlerjunge Salomon" bekannt wurde, der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau Dr. Max Mannheimer, der Zeitgeschichtler Prof. Norbert Frei, die Politiker Dr. Hans-Jochen Vogel und Dr. Hildegard Hamm-Brücher, Roland Klein, ein ehemaliger Lehrer von Christoph Probst, und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

Der tiefe Eindruck, den die Veranstaltungen mit diesen Männern und Frauen hinterlassen haben, zeigt, dass es richtig ist, wenn die Schule auch weiterhin ihrem Namen gerecht zu werden versucht. Schließlich sollte es Ehrensache sein, sich als Mitglied der Schulgemeinschaft über den Widerstand gegen die Nazi-Gewaltherrschaft zu informieren und sich den guten Sinn der Namensgebung mit Überzeugung zu eigen zu machen.