Christoph Probst als Briefschreiber

Christoph Probst als Briefeschreiber

Alexander Schmorell, Christoph Probst. Gesammelte Briefe
Christiane Moll

Lange erwartet, erschien im Jahr 2011 das Buch Alexander Schmorell, Christoph Probst. Gesammelte Briefe, Berlin (Lukas Verlag), herausgegeben von Christiane Moll. Sehr erfolgreiche Lesungen ausgewählter Briefe haben im Rahmen von Buchvorstellungen stattgefunden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Forschungsstelle Widerstandsgeschichte, Berlin, im Münchner Literaturhaus, auf Schloss Elmau und in Murnau, dem Geburtsort Christoph Probsts.

In seiner Rezension schreibt Gernot Eschrich:
Hätte man in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts schon in jeder beliebigen Situation telefonieren, mailen, simsen, twittern und facebooken können, wären unschätzbare schriftliche Zeugnisse in dieser Zeit gar nicht erst entstanden. Da man damals aber fast ganz auf die Post angewiesen war, wenn man sich mit nahestehenden Menschen austauschen wollte, mussten Christoph Probst und Alexander Schmorell Briefe schreiben, und die sind so gehaltvoll, dass wir durch sie einen einzigartigen Einblick in die persönliche Entwicklung zweier ungewöhnlicher junger Menschen erhalten. Dass dabei der Zwang zur schriftlichen Formulierung wesentlich zur Konzentration, Klärung und Vertiefung von Erfahrungen, Gedanken und Aussagen beiträgt, wird einem bei der Lektüre dieser Briefe bald klar. Eine große Hilfe beim Erfassen der zeitgeschichtlichen und menschlichen Zusammenhänge sind hierbei die ausführliche und von großem Verständnis getragene biographische Einführung sowie die Kommentierung mit zahllosen interessanten, gründlichst recherchierten Informationen von Christiane Moll.

Auch wer die Biographie der beiden, die bei aller Verschiedenheit eine „unzerreißbare Freundschaft“ verband, schon in Umrissen oder sogar genauer kennt, wird finden, dass sie einem erst die Kenntnis der konkreten Lebenssituationen vollends verständlich macht und nahebringt. Dreh- und Angelpunkt des ganzen Buches ist dabei der Widerstand der Weißen Rose, der in den Briefen aus verständlichen Gründen höchstens indirekt vorkommt, der aber im Bewusstsein des Lesers natürlich immer präsent ist, wie bei einer Tragödie, deren Ausgang man kennt, nicht aber den Weg dahin. Und da sind es eben die bedrückenden Umstände in den Jahren vor und im Krieg mit ihren äußeren und inneren Nöten im Alltäglichen wie im Geistigen, die dem Leser hier in beklemmender Weise klar werden, umso mehr, als die Briefe von intellektuell, emotional, künstlerisch und sprachlich reich begabten jungen Menschen stammen, die sich intensiv mit Natur, Musik, Literatur, bildender Kunst, Religion sowie Philosophie beschäftigt und ihre persönlichen Beziehungen mit Hingabe gepflegt haben, um so angesichts der Zwänge von Hitlerjungend, Arbeits- und Militärdienst innerlich zu überleben. Und als sie sich mit ihren beschränkten Mitteln auf den hochriskanten Versuch einließen, den NS-Staat zu bekämpfen, fanden die beiden, wie die Briefe eindrucksvoll belegen, zu einer tief religiösen Haltung.

Dabei sind es neben den bewunderns- und liebenswerten Eigenschaften gerade die ebenfalls vorhandenen unbürgerlichen Seiten ihres Wesens und manche problematischen Familienverhältnisse, die die Teilnahme des Lesers verstärken, etwa die leidenschaftliche Liebe Alexander Schmorells zu Christoph Probsts verheirateter Schwester Angelika, Inhalt der meisten seiner Briefe, oder die erst allmählich sich vertiefende Beziehung Christoph Probsts zu seiner Frau Herta, nachdem er mit zwanzig Jahren Vater geworden war. So kann man den Eindruck gewinnen, dass die beiden Briefschreiber, wie übrigens auch die anderen Mitglieder der Weißen Rose, deren Briefe schon länger veröffentlicht sind, in ihrem kurzen, intensiven Leben mehr erlebt haben als andere in achtzig ungestört verbrachten Jahren.